17. Mai 2026
Matthias Fössl
Der Tag, an dem wir alle eine Bremsspur hatten
Es ist vollbracht. Der Grazer AK bleibt oben. Und ich sitze hier am Sonntag vor dem Laptop und weiß noch immer nicht so genau, wie ich die Freude in Worte fassen soll.
Während ich so dasitze und versuche, das alles zu verarbeiten, gehen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Wie schon vor dem Spiel muss ich an die Birkenwiese in Dornbirn 2023 denken. An den Moment, wo wir akzeptieren mussten, dass wir nicht aufsteigen würden. Dass ausgerechnet Blau-Weiß Linz im Fernduell gewonnen hat und in die Bundesliga gegangen ist, während wir zusehen mussten. Zwei Jahre später schicken wir sie wieder runter. Der Fußball schreibt manchmal seine ganz eigenen Geschichten.
Nach dem Spiel hat es Maderner auf den Punkt gebracht: „Wir sind alle in der Kabine gesessen und haben ein bisserl die Bremsspur drinnen gehabt in der Hose.” Wenn ich ehrlich bin, war es auf meiner Couch in Graz nicht anders. Nervös wäre untertrieben.
Das Spiel geht los und der Puls damit weiter rauf. Von Beginn an ist klar, dass es kein graziles Spiel werden würde. Beide Mannschaften gehen von der ersten Minute an in jeden Zweikampf wie in ein Endspiel, was es ja auch war. Körperbetont, ruppig, keine Verschnaufpause.
Schon in der fünften Minute lässt Reiter Klassen alt aussehen, schiebt ihm den Ball durch die Beine und Kreuzriegler kommt viel zu spät. Gelbe Karte früh im Spiel und ein Freistoß aus einer unangenehmen Situation. Ein ganz mieses Gefühl macht sich breit. Der Ball geht nur Zentimeter am Tor vorbei. Einmal durchatmen, aber nicht für lange.
Gleich nach dem Abstoß in der 6. Minute dann das, was wir alle gebraucht haben. Gegenpressing, Ball abgefangen, und Lichtenberger zieht einfach ab. Innenstange, drin. Entspannt bin ich danach trotzdem nicht. Die Härte des Spiels fordert kurz darauf ihren ersten Tribut: Schriebl, unser Kapitän, muss nach einem Schlag auf den Knöchel schon nach 20 Minuten vom Platz. Kein schöner Moment. Koch kommt für ihn und übernimmt die Binde.
Auch in der Folge scheitert Harakaté zweimal knapp an Mantl, der seinen Kasten mit starken Reflexen sauber hält. Die Frage „Was wäre, wenn der drinnen gewesen wäre?“ macht sich breit. Die Angst, dass uns solche Situationen, die er sonst eiskalt ausnützt, heute das Genick brechen würden. Kurz vor der Pause dann beinahe der Ausgleich. Weissman bringt den Ball gefährlich Richtung Tor, nur Hofleitner kann auf der Linie klären. Wieder durchatmen.
Die zweite Halbzeit beginnt und der GAK macht weiter Druck. In der 52. Minute dann die Entscheidung: Harakaté leitet die Aktion ein, Olesen kommt über links, blickt zurück und findet Hofleitner, der cool ins Eck schiebt. 2:0. Die Erleichterung ist riesig, aber die Angst bleibt. Blau-Weiß braucht jetzt drei Tore, aber man weiß ja nie.
Kurz darauf das vermeintliche 3:0. Maderner trifft nach Satins Zuspiel, aber beide standen im Abseits. Der GAK hat weitergemacht, ruhig und konzentriert. Auch als ein Becher Pines mitten ins Gesicht trifft und das Spiel kurz unterbrochen werden muss, bleiben die Grazer fokussiert. Blau-Weiß hingegen wirkt immer nervöser. Maier allein vor dem Tor, der den Ball so lange festhält, bis zwei Verteidiger da sind. Pässe ins Nichts.
Und dann, in der 90.+1 Minute, macht Maderner den Sack endgültig zu. Koch passt zu Maderner, der Mantl umkurvt und ins leere Tor schießt. 3:0. Erst in diesem Moment stellt sich echte Euphorie ein.
Das Besondere war nicht die Taktik oder die Aufstellung oder die Einzelleistungen, die teilweise ein Auf und Ab waren. Es war der Kampfgeist und die Souveränität. Diese Mannschaft hat von Anfang an gekämpft, aber noch wichtiger: Sie hat nie die Nerven verloren. Jeder Ballgewinn wurde bejubelt. Sie haben sich selbst und das Publikum nach vorne gepeitscht. Purer Siegeswille.
Harakaté, der immer wieder Druck gemacht hat, Stolz mit seinen Paraden, wenn es brenzlig wurde, und Maderner. Man kann zu ihm stehen, wie man will, aber was er in den letzten beiden Spielen gezeigt hat, war außergewöhnlich. Beim Jubel über seinen Treffer zum 3:0 hat er überraschenderweise eine Pokémon-Feuer-Energie-Karte aus dem Stutzen gezogen. Irgendwie passt das perfekt zu diesem chaotischen, verrückten, wunderbaren Verein.
Und dennoch, bei all der Freude und Erleichterung darf man nicht vergessen, was vor diesem Spiel war. Die Probleme innerhalb der Fanszene, die Fragen an Spieler, Trainer und Verantwortliche, sind nicht verschwunden, weil wir gewonnen haben. Der Klassenerhalt gibt uns Luft. Aber es braucht jetzt ehrliche Aufarbeitung, damit wir nächste Saison nicht wieder mit einer Bremsspur hier sitzen.
18:57 Uhr, mit dem Abpfiff war es dann soweit. Pure Freude, Bier, Prosecco, Jubel in Graz, Ekstase im Gästeblock. Und ich auf meiner Couch, mit einem Grinsen, das so schnell nicht wieder weggeht.
Keiner kann uns stoppen, GAK