22. Juli 2026
Martin G. Wanko
Vienna FC vs. Queens Park Rangers, 11.07.2026 – Zu Besuch bei der Wiener Alten Dame.
Der First Vienna FC oder “die Vienna” wurde am 22.08.1894 gegründet und ist somit Österreichs ältester Fußballverein. Treibende Kräfte zur Gründung des Vereins waren damals, wie europaweit üblich, Engländer, die verstreut in Europa tätig waren. in diesem Falle die Gärtner des Bankiers Baron Nathaniel Rothschild. Sportlicher Höhepunkt für den Verein war der Gewinn des Mitropapokals 1931, ein europaweiter Wettbewerb. Bis heute wurde die Vienna sechs mal Österreichischer Meister und fristet ihr bescheidenes Sein seit einigen Jahren in der 2. Liga. Die Mission Aufstieg in die Bundesliga will nicht wirklich klappen. Aber nur Mut, immerhin haben sie seit einem halben Jahr Didi Elsneg als Sportdirektor.
Einmal war wirklich Glitzer
Einer hat immer Kult-Status, Hans Menasse, aber wirklich glitzern konnte die Vienna jedoch, als sie 1986 bis 1993 den argentinischen 1978-Weltmeister, Freistoß-Genie Mario Kempes an Bord holte. Mit ihm ging es dann auch wieder zurück in die Bundesliga, tatkräftig geholfen hat hier auch GAK-Gewächs Gerhard Steinkogler und gezahlt hat das alles Walter Nettig mit seinem Fotohandel und sogar die Teilnahme am UEFA-Cup war 3 Mal möglich. In dieser Zeit waren auch Kicker wie Herzog, Vastic, Stöger und Reinmayr am Werk.
Die Geschichte liest sich in diesem Zeitraum wie ein Who is Who im Ö-Fußball, doch mit dem Wegfall des Mäzens ging es auch mit Gelb-Blau wieder abwärts und wie für einen 2. und 3. Ligisten üblich, waren die Spieler immer vor oder nach ihrer großen Zeit im Sold der Vienna.
2017 kam es, wie es einmal kommen musste, die Vienna meldete Insolvenz an und musste in die 5. Liga. Sie kletterte brav zurück, die Nostalgie-Derbys gegen den Wiener Sportklub sollten hier erwähnt werden und vielleicht noch einen Satz zu den Fans: Während sich die Kurve des Sportklubs eher in Zurückhaltung übt, ist die der Vienna schon richtig lebendig. Grundsätzlich muss man jedoch sagen, auf der Längs hat die Vienna ein sehr gediegenes Publikum, das hängt mit ihrem Standort Döbling zusammen, dem Wiener Nobelbezirk. Vielleicht noch ein paar Satzfetzen zweier älterer Besucher: “… wie er nach Cambridge müssen hat, konnte er nicht mehr zu Arsenal gehen, also brauchte er einen anderen Verein …”
Rückspiel nach 93 Jahren
Wo wir nun beim Thema sind. Vor 93 Jahren tourte die Vienna durch England. Sensationellerweise gewann sie gegen Queens Park Rangers (QPR) mit 3:0. QPR ist mit Sicherheit ein Kultverein, hat aber leider nix Großes gewonnen, nur den eher unbedeutenden League-Cup 1967. Vizemeister war man 1976, zurzeit gurken sie eher hoffnungslos in der 2. Liga herum, letztes Jahr waren sie auf Platz 15. Das Treueste, das sie haben, sind ihre Fans. 16.672 Zuschauer sollen letztes Jahr pro Heimspiel gekommen sein, ein sehr passabler Schnitt, wenn man bedenkt, dass es in London x Vereine in der Premier League gibt. Ein Anhänger ist übrigens das ewige Problemkind Pete Doherty, war laut Wikipedia auch einmal im Vorstand. No jo. Apropos Zuschauer: Mein Großonkel aus Maidenhead war QPR-Fan, der auch unregelmäßig ihre Spiele besuchte. Mein Vater besuchte ihn in den 1970-Jahren und brachte mir einen Schal mit, der leider noch nie auf einem Spiel war, also musste er eingeweiht werden. Genau zu diesem Spiel am 11.07.2026. Warum mein Schal rot schwarz und nicht blau weiß ist, lässt sich darauf zurückführen, dass QPR auswärts gelegentlich in rot schwarz antritt. Andere Ursachen weiß ich nicht, es war zumindest der einzige Schal in diesen Farben beim Spiel. Es reichte zumindest, mit einem Engländer zu quatschen und von den Ordnungshütern auf Englisch begrüßt zu werden. Er bekam einige Spritzer Bier ab und hängt nun wieder im Kasten. Eingeweiht wurde er. Dass das Spiel in Döbling bei einer durchschnittlichen Sommerhitze 0:0 endete, war nicht weiter schlimm. Einmal hatte die Vienna das 1:0 am Fuß, konnte jedoch gleich wenig ausrichten, wie die Engländer vor der Pause, die zur HZ den ganzen Kader ausgetestet haben.
85.000 Besucher gegen Italien
Wirklich nice ist das Stadion, die “Naturarena Hohe Warte”. Es soll ja die größte Naturtribüne Europas sein, schaut tatsächlich so aus, wenn man aus der Ferne die Rillen im Oval beobachtet, auf denen die Menschen Platz nehmen oder eben stehen können. Seit 1921 gibt es das Stadion schon, es war die Heimstätte unseres “Wunderteams” und 60.000 Besucher waren hier keine Seltenheit. Rekord waren 1923 85.000 Besucher gegen Italien. Was danach alles passierte, kann gut auf der Website nachgelesen werden – heute ist die behördliche Zulassung auf 5.500 Besucher geschrumpft. Dem Oval, mit viel Natur im Umfeld, und dem Blick auf die Hohe Warte Wetterstation plus einige Villen kann man sogar im Hitzesommer etwas abgewinnen und sich wirklich wohlfühlen. Man ist hier einfach hübsch unter sich, die Security ist freundlich, der Kassier an der Würstelbude behandelt einen, als wäre man in einem feinen Lokal. Das kann schon was, denn die Tiefen kennt man eigentlich eh zu Hauf. Dazu passt das Alfred Tatar-Zitat, Ex-Vienna-Kicker und -Trainer, das auf einem Fan-T-Shirt zu lesen war: “Vienna, die Antithese zu Barcelona.”
Martin G. Wanko