22. Juni 2026
Martin Murpott
“Zwischen Kiez, Kommerz und Klassenkampf”
Mitte April hatte ich nach mehreren Jahren endlich wieder einmal die Gelegenheit, mir ein Spiel des glorreichen FC Sankt Pauli am Millerntor anzusehen. Es war wie immer recht nett, ausreichend alternativ und verhältnismäßig links. Sofern man also dank persönlicher Kontakte vor Ort zu Eintrittskarten kommt, kann man als alternder Punkrocker am Millerntor kaum etwas falsch machen. Wer allerdings die Straßenkampf- und Hausbesetzerromantik der 1980er sucht, wird sie zumindest in und um das Stadion nicht mehr wirklich finden. Gelebten Antikapitalismus kann man sich auch in Hamburg nicht leisten, wenn man Profifußball spielen will. So versucht man also auf Sankt Pauli seit Jahren, eine Symbiose zwischen Kommerzialisierung und Gegenkultur zu finden, die im Vergleich zu manch anderen Vereinen noch einigermaßen gut funktioniert. Zwar ufern die Preise der offiziellen Merch-Artikel inzwischen aus, dennoch gelingt es weiterhin, ausreichend Stehplätze für 15 Euro (Gegengerade) bzw. 13 Euro (Nord/Süd) anzubieten. Die Kosten für Speis und Trank liegen im oberen Ligabereich, allerdings ist das Stadion so im Kiez eingebettet, dass man vor und nach den Spielen genügend gastronomische Alternativen findet. Wesentlich für einen Besuch am Millerntor ist letztlich jedoch etwas anderes: ein nicht zu unterschätzender Wohlfühl- und Safe-Space-Faktor, der in anderen Stadien oft zu kurz kommt.
Das um 20:30 stattgefundene Spiel lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: unspektakulär! Gegner war der 1. FC Köln, die Hütte wie fast immer ausverkauft, und die Partie endete 1:1 unentschieden. Schön herausgespielte Chancen waren Mangelware, das Niveau entsprach eher dem unteren Tabellendrittel, und Sankt Pauli konnte sich leider keine Luft im Abstiegskampf verschaffen. Ich selbst genoss das Match ohnehin nur bedingt, weil ich immer wieder mit angespannten Nerven den zeitgleich spielenden GAK im Liveticker meines Smartphones verfolgen musste. Die Partie meiner geliebten Rotjacken endete ebenfalls nur unentschieden, was mein Gefühl noch verstärkte, sie an diesem Tag mit dem FC Sankt Pauli betrogen zu haben. Geplagt von schlechtem Gewissen und einem viel zu fettigen Reeperbahn-Kebab zog ich mich zwecks Schlafs in mein Hotel zurück. Dass ich unerklärlicherweise auch bis obenhin voll mit Astra Urtyp war, möchte ich diesmal nur am Rande erwähnen.
Altona 93 vs Blau-Weiß Lohne
Der folgende Tag führte mich und meinen bis dato unerwähnten Reisekumpel zum nächsten Abstiegskampf dieses Wochenendes. Genauer gesagt ging es nach Ottensen zur legendären Adolf-Jäger-Kampfbahn, um Altona 93 gegen Blau-Weiß Lohne spielen zu sehen. Letzter gegen Vorletzten der Regionalliga Nord. Um es vorwegzunehmen: Wer den FC St. Pauli bereits als zu kommerziell empfindet und den deutschen Profifußball ganz generell für zu spießig und dogmatisch hält, würde sich hier bestens aufgehoben fühlen. Schon vor Beginn des eigentlichen Matches herrschte vor den Eingängen ein reges Treiben. Neben Bier vom Fass gab es Punk und Ska von der Platte, aufgelegt vom hauseigenen DJ. Nachdem in bester steirischer Tradition ein wenig vorgeglüht und abgetanzt worden war, ging es ins Innere des Stadions, wo man sich sofort in die 1980er-Jahre zurückversetzt fühlte: eine Haupttribüne aus dem Jahre Schnee, eine Gegengerade mit aufgeschütteten Stufen und der sogenannte Zeckenhügel hinter dem Westtor inklusive einer selbstgebastelten Anzeigetafel. Die Stehränge hinter dem Osttor waren wohl aus Sicherheitsgründen gesperrt, Flutlicht kennt man hier offenbar nur vom Hörensagen, und der Fanshop befand sich in einem Baucontainer. Einen VIP-Sektor gibt es eigentlich nicht, dafür aber die sogenannte „Ratsherrn Lounge“, die für jedes Spiel komplett gebucht werden kann, einem Gartenpavillon aus Holz ähnelt und Platz für 20 Personen bietet. Ach ja, Hunde sind auch erlaubt, wobei einer der anwesenden Wauzis als inoffizielles Vereinsmaskottchen fungieren dürfte. Zumindest hat er es als Druck auf die ausgegebenen Bierbecher geschafft.
Das Match, das schließlich 3:2 für die Gastgeber endete, war definitiv spannend, kampfbetont, lange Zeit ausgeglichen und durchaus nicht arm an Chancen. Das technische Niveau dürfte in etwa der mittleren Tabellenhälfte der Regionalliga Mitte in Österreich entsprechen. Immerhin knapp 2600 Zuschauer*innen fanden den Weg zur Adolf-Jäger-Kampfbahn. Die Stimmung war zwar leicht angespannt, aber nie wirklich aggressiv. Nach dem Match ging es noch auf mehrere Humpen Gerstensaft in das äußerst kultige Clubheim von Altona 93. Auch hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwischen mit Stoff bespannten Gastronomiestühlen, Eckbänken und einer rustikalen Holztheke fühlt man sich jedoch nie unwohl. Unmengen an aufgehängten Fanschals und geklebten Fußballstickern aus der ganzen Welt verliehen dem Ganzen ein internationales Flair. Zugegebenermaßen verlor ich mich spätestens hier eher in meinem Rausch als in einer objektiven innenarchitektonischen Wahrnehmung. Nichtsdestotrotz kann ich nur empfehlen, den Old-School-Charme dieses Stadions an Spieltagen mitzuerleben, solange es noch möglich ist. Die Tage der Adolf-Jäger-Kampfbahn sind leider gezählt; spätestens Anfang der 2030er-Jahre soll sie einem Wohnbauprojekt weichen.